Montag, 9. April 2012

Märchenschatz (4)

Vom Verinnerlichen eines Märchens als Grundlage des Erzählens

...Und wer eigentlich die Märchen studiert, der findet in den Märchen eine so bedeutende Physiologie zum Beispiel, dass es schon einen Weg gibt, um an die Märchen zu glauben, so dass durchaus der Grad von innerer Märchenstimmung, den ich gebrauche, um dem Kinde irgend etwas beizubringen vom "Schneewittchen" oder... so ist, dass durchaus das Gefühl entstehen kann, das in mir selbst eine Gläubigkeit hat. Ich muss nur innerlich durchdrungen sein von einer Sache...Rudolf Steiner aus: Idee und Praxis der Waldorfschule

Bevor das Erzählen eines Märchens beginnen kann, braucht es für mich erst einmal, dass in mir eine Märchenstimmung entsteht.
Jetzt, nach dem ich nun bereits über ein halbes Jahr mich täglich mit Märchen beschäftige, fällt es mir wieder viel leichter als noch vor den Sommerferien. Ein "Innerlich durchdrungen sein..." wie es R. Steiner anrät, ist zu suchen. Mir hilft es, wenn ich das Märchen, dass ich ausgewählt habe, erst einmal mehrmals durchlese. Das ich mich dabei immer für die Orginalfassung und nicht für eine gekürzte oder bearbeitete Fassung entscheide, ist wohl deutlich, wenn man bedenkt, dass es ja beim Erzählen um die Urbilder im Märchen geht. Welche Märchenbilder entdecke ich dabei selbst? Welche Märchenbilder sind zu dem Märchen in der Sekundärliteratur beschrieben? Habe ich die Bilder, um die es bei diesem Märchen geht, verinnerlicht,  so tauche ich beim Lesen nun mehr und mehr in die besondere Märchensprache ein. Welche Worte fallen besonders auf? Gibt es Schlüsselwörter? Sind Sprichwörter enthalten? Was sollte unbedingt ganz wortgetreu wiedergegeben werden? So entsteht in mir wie eine Landschaft des Märchens, die ich nun innerlich das Märchen wiederholend abschreite. Wo bleibe ich stecken? Wo bin ich noch unsicher? Gibt es solche Stellen, lese ich das Märchen noch einmal im Original. So entsteht immer mehr Sicherheit. Meist wiederhole ich das Märchen nochmals vor dem Einschlafen und/oder beim Aufwachen ganz kurz innerlich, denn hier ist noch Gelegenheit noch einmal schnell nachzulesen falls mir wirklich ein Detail entfallen ist.

Übersicht: Meine Schritte um ein Märchen auswendig zu lernen
  • Märchen auswählen
  • Märchen mehrmals lesen
  • Märchenurbilder dabei entdecken
  • (vielleicht Sekundärliter lesen, Märchendeutungen,...)
  • Schlüsselwörter suchen
  • besondere Formulierungen einprägen
  • Sprichwörter, Reime, Wiederholungen auswendig lernen
  • Märchen innerlich wiederholen und dabei Unsicherheiten entdecken
  • nochmals nachlesen
  • Wiederholen bis wirkliche Sicherheit entstanden ist
Ich habe das große Glück, dass ich meine Klasse in den ersten Schuljahren den ganzen Schulmorgen begleiten kann. So ist unsere Erzählzeit immer zum Abschluss des Vormittags.

Während des Kindergartenalters ist es sinnvoll und heilsam für die Kinder dasselbe Märchen über einen längeren Zeitraum (kräftigend für die ätherischen Kräfte im Menschen ist der 4 Wochen-Rhythmus) immer wieder zu erzählen. Für die Schulkinder steht nun ein neuer Schritt an. Das Märchen wird nur noch einmal erzählt. Doch am nächsten Tag erinnern wir das Märchen und die Kinder erzählen es nach.

Sehr lange Märchen unterteile ich auch in mehrere Abschnitte, die ich an aufeinander folgenden Tagen erzähle. Freudig erinnern sich die Kinder an das bereits Gehörte, an das ich nun anschließen kann. Im Gegensatz zur heutigen Weise Filme, Bücher, Hörspiele auf dem Höhepunkt des Spannungsbogens zu unterteilen, erlebe ich es für die Kinder als hilfreich und dem Alter angemessen, dass ein Märchen oder eine Geschichte erst dort eine Unterbrechung erfährt, wenn etwas im Erzählbogen zur Ruhe kommt. Die Kinder sind trotzdem offen dafür, wie es weiter geht, doch gehen sie nicht mit einer inneren (Über)spannung nach Hause und durch die Nacht.     

Über das eigentliche Erzählen geht es nun hier weiter.




1 Kommentar:

Katharina hat gesagt…

Liebe Nula,
das ist aber ein schöner Blog und ich werde dir hier gern über die Schulter gucken. Ich habe die Ausbildung zur Klassenlehrerin an Waldorfschulen gemacht, im Anschluss daran aber meine erste Tochter bekommen, so dass ich bislang noch nicht in meinem Beruf gearbeitet habe. In diesem Sommer wird meine Große eingeschult und ich ebenfalls - ich werde eine Assistenzjahr an einer großen Waldorfschule hier machen. Den Märchen gilt eine besondere Liebe von mir - eigentlich dem Erzählen allgemein.
Viele liebe GRüße
Katharina

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