Mittwoch, 11. April 2012

Märchenschatz (5)

ERZÄHLEN , ags. âtellan, ahd. arzellan, irzellan, mhd. erzeln, erzellen. man unterscheide leichte, freie mittheilung im gespräch von dem bedachten, feierlichen vortrag, wiewol beide in einander laufen.
Grimm "Dt. Wörterbuch" [Bd. 3, Sp. 1077]

Über das Erzählen 

Wenn es gelingt, ein Märchen wie zuvor beschrieben konzentriert durchzuarbeiten, so entsteht ein Gefühl vom verborgenen tiefen Sinn des Märchens in einem selbst, den man wie einen Schatz mit sich trägt.
Am Anfang passierte es mir bei meinen eigenen Kindern und auch in meiner ersten Klasse, dass ich der Versuchung erlag, das Märchen etwas pathetisch zu erzählen. Aber genau darum geht es ja beim Märchenerzählen nicht. Wenn man die Sinnbilder eines Märchens wirklich in sich aufgenommen hat, so werden sie durch den Erzähler sowieso immer aus dem Hintergrund wirken. Es gilt zu versuchen, möglichst genau zu erzählen. Genauigkeit hinsichtlich all der in der Vorbereitung gefundenen Motive, des feinen Humors des Märchens, der Einzelheiten. Genau und doch freilassend. So ist der Erzähler durch seine Vorbereitung selbst zwar stark innerlich beteiligt, nach außen aber braucht es eine sehr große Achtsamkeit, seelisch freilassend und nicht dramatisch zu erzählen. Der Tonfall sollte eher gleichmäßg und ganz unsentimental sein. So werden bildhafte Grausamkeiten im Märchen auch nicht zu angstauslösenden Sensationen.



Vorlesen oder frei erzählen?

„welcher gewaltige Unterschied darin liegt, ob man dem Kinde Märchen liest oder man solche Märchen selber erst ausgestaltet [...], weil der Prozeß des Gestaltens in ihnen - das ist ja eben das, was ich meine mit dem Lebendigen - auf das Kind nachwirkt, weil er sich wirklich dem Kinde mitteilt."
aus Rudolf Steiner: Die Erneuerung der pädagogisch-didaktischen Kunst

Ich bin bemüht, die Märchen immer frei zu erzählen. Hat man sich erst einmal darauf eingelassen und etwas Übung, so fällt es von Mal zu Mal immer leichter. Trotzdem ist es auch schon vorgekommen, dass ich ein Märchen vorgelesen habe, weil ich noch zu unsicher für das freie Erzählen war. Meist schaffe ich es auch beim Vorlesen, die Kinder immer etwas länger wieder anzusehen, was mir beim freien Erzählen natürlich ganz möglich ist. Gerade der Blickkontakt erscheint mir oft wie der Boden des Erzählens, denn hier kann ich an den Kinderaugen ablesen wie sie selbst in das Märchen eintauchen. Ich bin ein sehr gute und geübte Vorleserin und doch merke ich, wie ein bisschen des Zaubers verloren geht, der beim Erzählen entsteht.


kurze Zusammenfassung "Wie erzählen"

  • lieber frei erzählen als vorlesen
  • Märchenbilder gut verinnerlichen
  • genau erzählen: Märchenbilder, Einzelheiten, Reime, Humor
  • trotz eigener starker innerlicher Beteiligung nicht dramatisch und tiefsinnig erzählen
  • Tonfall eher gleichmäßig
  • Grausamkeiten sprachlich nicht zu Sensationen anwachsen lassen 
  • seelisch freilassend erzählen

Weitere Anregungen zu den Märchen und zum Erzählen von Märchen gibt es in dem Buch von Georg Dreißig: "Was Kinder innerlich stark" macht.

Zu der Frage Märchen und Temperamente ein anderes Mal mehr.

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